Ich bin doch nichts wert! (oder: wenn man sich selbst mobbt)

Man kann nicht nichts denken.

Und da wir die meiste Zeit unseres Tages nicht mit anderen Menschen sprechen, denken wir leise vor uns hin. Führen also Selbstgespräche.

Und häufig reden wir mit uns über uns selbst.

Aber die Art und Weise, wie wir mit uns selber sprechen....!

Sich selber abwerten - warum denn das?

Traumatherapie Trauma Therapie Psychotherapie Psychotherapeut Psychotherapeutin Osnabrück Essen Bochum EMDR Schuld selber Mobbing Selbstabwertung
Urheber Foto: de.123rf.com/profile_nenetus
Kommen Ihnen Sätze wie "Oh man, ich bin echt zu blöd.", "Siehste, ich kann das eben nicht. Ich Idiot.", "Ich brauche es erst gar nicht versuchen, ich bin sowieso nicht gut genug." und ähnliches bekannt vor? Das sind typische Dialoge, die wir mit uns selbst führen und die eine tiefe Bestätigung aus dem Inneren bekommen. Diese Ab-Wertung geschieht oft automatisch und unbewußt und wir schaffen es, sie so oft wie ein Mantra zu wiederholen, daß unser Gehirn ja glauben MUSS, daß sie wahr sind.

 

Dabei sind wir doch eigentlich gar nicht so.

Oder sagen Sie zur Bäckereifachverkäuferin "Geben Sie mir bitte 3 Brötchen. Ach nee, lassen Sie mal. Sie sind ja sowieso zu doof bis 3 zu zählen." 

Oder zum Kind, das Bruchrechnung in der Schule lernt "Laß mal lieber, daß schaffst Du sowieso nicht."

Oder zu unserem Partner, wenn ihm ein Glas aus der Hand fällt "Siehste, Du taugst eben nix." ???

Das würde mich ehrlich gesagt wundern. Denn in der Regel sind wir mit anderen wesentlich geduldiger und gutmütiger als mit uns selbst.

 

Provokant könnte man sagen: Wir gehen sogar mit unserer Putzfrau freundlicher um, als mit uns selbst. 

Selbstverständlich möchte ich die Putzfeen, die uns so hilfreich das Leben vereinfachen können, nicht runterspielen. Es geht viel mehr darum, daß ich hier bewußt eine Berufsgruppe ausgesucht habe, die für uns im sehr privaten Umfeld tätig ist und dafür bezahlt wird, daß sie tut, was sie tut.

Ein Schauspieler im Theater wird auch bezahlt... und bekommt am Ende sogar noch Applaus.

Haben Sie schon einmal einer Putzfrau applaudiert? Und wenn nein, warum nicht?

Oder haben Sie sich gar schon mal selbst bezahlt, wenn Sie den Boden gewischt haben? Und wenn nein, warum nicht?

 

Es sind eingeschliffene Verhaltensweisen, die unser Handeln und Denken prägen. Selbstverständlichkeiten wachsen daraus.

 

Es ist für uns selbstverständlich, nicht nur freundlich zur Bäckereifachverkäuferin zu sein, sondern ihr auch zuzutrauen, daß sie bis 3 zählen kann.

 

Es ist für uns selbstverständlich, davon auszugehen, daß das Kind die Bruchrechnung schon lernen wird.

 

Und leider ist es für uns auch selbstverständlich, uns selbst mit anderem Maßstab zu messen und wenig gutmütig mit uns umzugehen.

 

Und dann wächst sich das Ganze gerne auch aus. Dann war der Nachbar heute früh nämlich natürlich so unfreundlich, weil ich so unattraktiv bin. Und mein Chef kann mich nicht leiden, weil ich ja sowieso nix kann. Alles vermeintliche Bestätigungen unserer negativen Denkbahnen, die wir  durch ständige Wiederholung zu breiten Autobahnen im Kopf ausgebaut haben: Schnell zu erreichen, gut asphaltiert und es kommt uns niemand entgegen. Wie "einfach" es ist, da eben ein paar Kilometer drauf zurückzulegen.

 

Ich bin kein Verfechter des absoluten positiven Denkens. Aber auch keiner des negativen Denkens. Und  deswegen möchte ich hier eine Übung vorstellen, mit der es uns - mit etwas Routine - sehr schnell und leicht gelingen kann, diese vermeintlichen negativen Bestätigungen von Außen neutralisieren zu können. Das ist ein erster und wirklich hilfreicher Schritt zu angemessener Gutmütigkeit mit uns selbst zu kommen.


Übung

Nehmen Sie sich eine beliebige Situation im Alltag, in der Sie vermuten, daß jemand schlecht über Sie denkt.

 

Als Beispiel nehme ich hier mal einen Nachbarn. Dieser hat mich heute früh nicht gegrüßt und mir die Tür vor der Nase zufallen lassen.

 

Mein gewohntes Denkmuster könnte z.B. sein: 

"Siehste, der kann mich auch nicht leiden."

"Der hat bestimmt gemerkt, daß ich nicht schlau bin."

"Der findet mich bestimmt ausgesprochen häßlich, so häßlich, daß er nicht mal mehr grüßen mag. Naja, ich bin ja auch dicker/dünner/älter... geworden."

Oder ähnliches.

 

Und jetzt kommt die alles entscheidende Frage: Ist das wirklich die absolute, die einzig mögliche Wahrheit?

 

Nun kommt etwas Arbeit auf Sie zu. Nehmen Sie sich ein Blatt und einen Stift und schreiben Sie 10 mögliche Gründe auf, warum der Nachbar unter Umständen so reagiert haben KÖNNTE. Selbst, wenn Sie davon überzeugt sind, daß ihr erster Gedanke sowieso der richtige ist.

 

Es ist wichtig, das am Anfang schriftlich zu machen. Ansonsten gelingt es den allermeisten gar nicht, bis Punkt 10 zu kommen. Später, wenn man geübt ist, läuft das automatisch im Gehirn ab und das sogar blitzschnell. Da braucht man dann nix mehr aufzuschreiben.

In unserem Beispiel könnte die Liste so aussehen:

- Er kann mich sowieso nicht leiden.

- Er könnte Ärger mit seiner Frau haben.

- Er hatte es eilig, weil er sowieso schon zu spät ist und unpünktlich zur Arbeit kommt.

- Er war in Gedanken  bei dem Termin mit der Bank und hat Angst, den gewünschten Kredit nicht zu bekommen.

- Er hat eine Magen-Darm-Grippe und möchte schnellstmöglich beim Arzt sein, damit eine Toilette in der Nähe ist.

- Er hat einen Anruf bekommen, daß ein Verwandter einen Unfall hatte und möchte ganz schnell ins Krankenhaus.

- Er hat vor lauter Liebeskummer nur 2 Stunden geschlafen und stand einfach einen Schritt neben sich.

- Er ist einfach schlichtweg unaufmerksam und mit sich beschäftigt.

- Er hat letzte Woche vom Arzt die Diagnose bekommen, daß er unheilbar krank ist.

- Er hat vergessen, die Ohropax rauszunehmen, die er nachts immer trägt.

Welcher der obengenannten Gründe ist mit absoluter Sicherheit der einzige, der wahr und realistisch ist?

 

Gut, nun sagen Sie bestimmt, Sie kennen meinen Nachbar ja nicht. Versuchen Sie es bitte trotzdem zu beantworten. Denn… vielleicht kennen Sie Ihren Nachbar ganz gut, aber wissen Sie WIRKLICH, ob er heute eine Magen-Darm-Grippe hat, einen Kredit braucht oder sich unglücklich in seine Kollegin verliebt hat?

 

Das Gute ist… man gerät zumindest ins Schwanken. Naja, könnte ja ganz unter Umständen vielleicht auch einer der anderen Gründe (außer "er kann mich sowieso nicht leiden") sein. Und schwupps… nehmen wir es gar nicht mehr so persönlich… sind von der Autobahn abgebogen und strumpeln jetzt durchs Unterholz des Waldes, der neben der Autobahn wächst.

 

GUT SO!

Wenn man diese Übung 10 Tage lang mit 3 verschiedenen Erlebnissen macht, die einem im Alltag begegnen… trampelt sich der Weg durchs Unterholz schon gehörig aus und wird zu einem gut begehbaren Weg. Wir entschuldigen hiermit auch nicht das unhöfliche Verhalten des Nachbarn, wir nehmen es einfach nur nicht so persönlich.

 

Nach dieser schriftlichen Phase der Übung ist das Gehirn irgendwann darauf trainiert, sich schon mal ein paar mögliche andere Gründe auszudenken… und das eröffnet uns ein im wahrsten Sinne des Wortes friedvolleres Leben mit uns selbst.

 

Ist das nicht ein tolles Ziel, das ein bißchen (!) Aufwand rechtfertigt?

 

 

Vielen Dank, daß Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben.

 

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie in Osnabrück und Essen

sind meine Therapieschwerpunkte Trauma, Angst und Phobie.

 

Anja Flörke

Kommentar schreiben

Kommentare: 0