PTBS - ist Heilung eigentlich möglich?

Trauma Therapie Osnabrück PTBS
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Diese Frage läßt sich nicht mit einem eindeutigen JA oder NEIN beantworten, sondern ist sehr individuell zu betrachten. Aber mal vorab: Meine persönliche Meinung ist, daß es unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist.

 

Die entscheidende Frage ist, was bedeutet das Wort "geheilt" für mich persönlich.

 

Hier höre ich immer wieder verschiedene Definitionen. Wie zum Beispiel:

● Geheilt bin ich, wenn ich alles vergessen kann.

● Geheilt bin ich, wenn ich mein Leben so leben kann, wie es vorher war.

● Geheilt bin ich, wenn ich einen guten Umgang mit den Auswirkungen finde.

... diese Liste ließe sich noch um einiges weiterführen.

 

Einfacher gelingt es uns zu definieren, was Heilung für uns persönlich bedeutet, wenn es zum Beispiel um einen Beinbruch geht. Wenn jemand die Treppe herunter fällt, weil er einfach nicht ganz aufmerksam war, und sich den Unterschenkel bricht: Wann ist derjenige geheilt?

 

Nehmen wir an, er muß ins Krankenhaus und der Bruch muß gerichtet werden. Es werden Schrauben eingesetzt, die nach einigen Monaten durch eine erneute Operation wieder entfernt werden. Der Bruch ist gut zusammengeheilt, die Wunde hervorragend verheilt und eigentlich spürt er den Bruch gar nicht mehr. Nur wetterfühlig ist er an der Stelle geworden und es kribbelt und ziept etwas, wenn es extreme Wetterumschwünge gibt. Manchmal, wenn er DIE Treppe herunter geht, kommt die Erinnerung und ein mulmiges Gefühl im Bauch und er geht sie dann sehr achtsam herunter, meistens aber denkt er gar nicht dran. Und neulich, als ein Nachbar sich den Arm gebrochen hat, hatte er sofort wieder die ganze Geschichte seines Beinbruches im Kopf und am Ende der Gedankenkette stand ein "Gott sei Dank, es war schlimm und es ist vorbei.". Und auch die Narbe sieht er täglich beim Duschen, beachtet sie aber nicht weiter, da sie keine Probleme macht.

 

Was würden Sie sagen? Ist der Mann aus ihrer persönlichen Sicht heraus noch krank oder ist er geheilt?

 

Unser erfundener Beinbruch-Patient hat manchmal noch ein flaues Gefühl im Bauch, wenn er die Treppe heruntersteigt, ist dann etwas ängstlich und besonders aufmerksam. Das sind Auswirkungen des ursprünglichen Sturzes und er schützt sich damit in einer angemessenen Weise selbst. Er geht die Treppe ja runter, lebt also sein Leben so, wie es vorher war, nur achtsamer. Achtsamer... also lebt er es eben doch nicht ganz so, wie es vorher war. Und fühlt sich das falsch oder ungesund an für Sie?

 

Jeden Tag machen wir unzählige Erfahrungen. Und jeden Tag verändert sich dadurch unser Leben, denn die Erfahrungen sind ja dazu da, Handlungsoptionen zu entwickeln, Entscheidungen treffen zu können. Um mal ein einfaches Beispiel zu nennen: Irgendwann habe ich gelernt, daß ich bei grün über die Ampel gehen kann, ohne Gefahr zu laufen überfahren zu werden. Wenn ich nun an einer viel befahrenen Straße eine Ampel überqueren möchte, warte ich dann auf das grüne Lichtzeichen oder laufe ich einfach los? Und wie war das, als ich 3 Jahre alt war, habe ich da auf die grüne Ampel gewartet? Die Erfahrung "bei grün ist es sicher" verändert mein Leben und meine Handlungsweise, da ich diese Erkenntnis in meinen Wissensschatz integriere und für mich nutze. Und hier mal die provokative Frage: Wäre es sinnvoll, diese Erfahrung (grün = sicher) zu vergessen?


Unser Gehirn ist so angelegt, daß es sich Dinge merkt und einsortiert. Und im passenden Moment ist diese gespeicherte Information abrufbar. D.h. wenn ich im Büro an meinem Schreibtisch sitze, stellt mir mein Gehirn wahrscheinlich nicht die Information "grün = sicher" zur Verfügung, sondern nur dann, wenn ich es benötige.

 

Nun ist natürlich ein Beinbruch oder ein gelerntes "bei grün kann ich gefahrlos über die Ampel gehen" nicht mit den Ursachen einer PTBS zu vergleichen. Hier geht es um wesentlich bedrohlichere, fürchterliche Erfahrungen, die zu einer PTBS führen. Und deswegen ist die Be- und Verarbeitung auch nicht leicht.

 

Was passiert denn eigentlich bei einem Trauma, warum wird das Erlebte nicht genauso einsortiert wie andere Erfahrungen und ist nur abrufbar, wenn es benötigt wird? Das liegt an dem Ausmaß und der Bedrohung. Das Gehirn schaltet in dem Moment - etwas einfach ausgedrückt - auf Alarm. Und dieser Zustand wird beibehalten, auch wenn die Situation vielleicht schon längst vorüber ist. Dadurch kommt es zu keiner wirksamen Verarbeitung, denn das traumatische Erlebnis wird in einem anderen Hirnareal abgespeichert als alles andere. D.h. es ist keine Verbindung zwischen dem Erlebten und anderen Informationen (wie z.B. "es ist vorbei", "ich hab überlebt" usw.) möglich.

 

Das bedeutet natürlich nicht, daß der Betroffene das objektiv nicht weiß. Ihm ist bewußt, daß er z.B. überlebt hat. Und gleichzeitig (!) fühlt sich die Bedrohung aber noch präsent an.

 

Bei nicht-traumatischen Erlebnissen verknüpfen sich solche Informationen im Gehirn. Wieder ein einfaches Beispiel zum besseren Verständnis: Als wir Fahrradfahren gelernt haben, sind wir (sicherlich alle) des öfteren gestürzt. Das hat weh getan. Diese Information wurde abgespeichert. Manchmal haben wir dann aufgegeben und uns erst am nächsten Tag wieder getraut, es neu zu probieren. Dann wurden wir besser. Wir haben herausgefunden, wie wir besser die Balance halten. Diese Information wurde auch abgespeichert. Dann sind wir wieder gefallen. Das tat wieder weh. Und die verfügbare Information, daß wir ja schon viel besser wissen, wie wir Balance halten können, hat uns mutig wieder auf das Rad steigen lassen um weiter zu üben. Heute steigen wir mit dem Bewußtsein auf das Rad, daß wir die Balance halten können. An die Stürze am Anfang denkt man in der Regel nicht jedesmal, wenn man wieder auf das Fahrrad steigt. Die abgespeicherten Informationen haben sich also vermischt und herausgekommen ist eine realistische Einschätzung des Risikos auf ein Fahrrad zu steigen. Und zugegebener Maßen war das Risiko zu stürzen in der Anfangsphase viel größer.

 

Wenn uns diese Vermischung der im Gehirn vorhandenen Informationen gelingt, wird es besser und kann heilen. Sehr bekannt ist zum Beispiel der Rat an eine Person, die einen Motorradunfall hatte: "Sofort wieder drauf.", das ist oft die erste Reaktion des Umfeldes. Was passiert, wenn der Verunglückte sofort wieder Motorrad fährt, sobald er kann? Er macht andere Erfahrungen, positive Erfahrungen, läßt sich den Wind um die Nase sausen und die Landschaft fliegt an ihm vorbei. War der Unfall nicht traumatisierend, wird er sehr bald seine große Angst, die durch den Unfall entstanden ist, verlieren und wieder unbekümmert(er) fahren. Hat der Verunfallte eine PTBS entwickelt, wird ihm das wahrscheinlich nicht gelingen. Denn die neuen, guten Informationen vermischen sich nicht mit denen aus dem Unfallgeschehen.

 

Kann man da was machen?

 

Es gibt spezielle Traumatherapien, die genau hierauf spezialisiert sind. Also sehr vereinfacht ausgedrückt: auf das Zusammenführen der alten und neuen Informationen. Wie und ob diese Therapien helfen hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel von dem Ziel, das erreicht werden soll. Mir ist keine Therapie bekannt, die die entsprechenden Erinnerungen einfach aus dem Gedächtnis löschen könnte, auch wenn wir uns das verständlicherweise wünschen würden. Und es hängt von weiteren Gegebenheiten ab: von den persönlichen Voraussetzungen des Klienten, ob es eine vertrauensvolle Beziehung zwischen dem Klient und dem Therapeut gibt, ob die Therapiemethoden richtig ausgewählt und angewand werden und und und.

 

Eine Garantie kann also niemand geben. Aber die Möglichkeit besteht.

 

 

 

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